Das Ökosystem „Meerwasser-Aquarium“ (I) – Einleitung

Moin liebe Leserinnen und Leser!

Zum Auftakt dieser Artikelreihe möchte ich ihnen zunächst einige Konzepte und Betrachtungsweisen vorstellen, wie man ein Meerwasseraquarium ökologisch einordnen kann.

Am ehesten ist ein typisches Meerwasseraquarium mit dem Mikrohabitat eines beständigen Gezeitentümpels (Rockpool oder Lithotelm) an Felsküsten zu vergleichen, welches eine regelmäßige, aber nicht einer normalen Tide ensprechenden, Meerwasserzufuhr hat.

 

Verschiedene Arten von Gezeitentümpeln

Rockpools bei Porto Covo (Portugal)

Rockpools bei Porto Covo (Portugal)

„Rockpools“ sind temporäre Kleinst-gewässer in von der Brandung ausgewaschenen Mulden an den Felsküsten der Meere. Nahezu jeder wird diese kleinen Naturaquarien von den Felsküsten des Mittelmeeres kennen. Künstliche und sehr kurzlebige Rockpools können aber auch entlang von Steinmolen oder in Häfen im Gezeiteneinfluss der Nordsee und der westlichen Ostsee beobachtet werden. Somit stellen sie einen Teilaspekt der Gezeitentümpel dar. Ein an der deutschen Nordsee häufiger zu beobachtender Typus der Gezeitentümpel ist der Priel am Sandstrand. Einige, nach einer Sturmflut entstandenen Priele im oberen Strandbereich haben sogar eine Lebensdauer von mehreren Tagen, bis sie der Aussüßung durch Regen oder der langsamen Verdunstung oder Versickerung zum Opfer fallen.

Wir beschäftigen uns im Folgenden weiter mit den Rockpools.

Rockpool in einer Basaltbuhne an der Nordsee

Rockpool in einer Basaltbuhne an der Nordsee

 

Charakterisierung von Rockpools

Um einen Begriff aus der Thermodynamik zu entleihen, könnte man im hydrologischen Sinne von einem temporär geschlossenen oder halbgeschlossenem System sprechen. Je nach Exposition und Lage eines solchen Rockpools, wird in regelmäßigen (Tide) bis unregelmäßigen Abständen (Springtide) frisches Meerwasser eingespült.

 

 

Abiotische Faktoren: Sonne, Wind und keine Wellen

Die Sonneneinstrahlung ist hier aufgrund der geringen Höhe der Wassersäule höher als im freien Wasser. Hinzu kommt, dass sich der Wasserkörper mangels Wellen oder einer Strömung kaum bewegt und eingetragene Schwebstoffe sich daher rasch absenken können. Die Salinität in Gezeitentümpeln kann aufgrund von Verdunstung oder Regeneinträgen stark in beide Richtungen schwanken.

Trotz des zeitweisen Abgeschnittenseins vom offenen Meer werden Nährstoffe mit dem Frischwasser, durch vom Wind herangetragenes Material und durch Vogelausscheidungen eingetragen. Die Kombination aus guter Belichtung und solch einem Nährstoffeintrag stellt optimale Lebensbedingungen für Mikroalgen wie Diatomeen oder Makroalgen wie den Meersalat (Ulva lactula), den Darmtang (Enteromorpha compressa) oder zahlreiche Braunalgen (z.B. Fucus ssp.) dar. Das Foto von den Rockpools in Portugal zeigt sehr schön das satte Grün in den oberen beiden Becken im Gegensatz zu dem freien Wasser.

 

Biotische Faktoren: fressen und gefressen werden

Somit haben wir in dem kleinen Ökosystem schon die Produzenten. Dieses üppige Angebot an Algen lockt natürlich unweigerlich bei jeder höheren Flut herbivore Tiere (Pflanzenfresser) an, die bis zum Eintreffen ihrer Fressfeinde dort ein recht geschütztes Leben haben, sofern sie mit den Schwankungen der abiotischen Faktoren zurechtkommen. Amphibische Schnecken und Krabben (Brachyura) stellen die ersten Einwanderer. Aber auch Garnelen könne schnell bei Wasserhöchstständen mit hereinschwappenden Wellen einwandern. Das im Meerwasser reichlich enthaltende Plankton stellt neben den festsitzenden Algen (Makrophyten) in solch einem Tümpel die Nahrungsgrundlage für alle höheren Tiere dar. Natürlich kann niemand sagen welche Algen und Tiere in welcher Reihenfolge eintreffen. Es geht vielmehr darum welche Arten sich dort etablieren.

 

Die Biodiversität: wo führt das hin?

Neben der aktiven Zuwanderung von oben genannten Vertretern werden über eingeschwemmtes Plankton unzählige Larven verschiedenster Meerestiere eingetragen. Diejenigen, die die abiotischen Schwankungen tollerieren können siedeln sich an und entwickeln sich. Alle anderen verschwinden nach kurzer Zeit. Ein wichtiger Faktor für die Stabilität eines Ökosystems ist die Biodiversität. Es stellt sich ein kurzfristiges Gleichgewicht der Artenzusammensetzung ein, welches mit jedem neuen Meerwassereintrag durch neue oder bereits ausgelöschten Arten ergänzt wird. In ungünstigen Fällen bekommt der Rockpool nur ein bis zweimal pro Monat zu den Springtiden frisches Wasser. In diesem Fall wird das Gleichgewicht nach einiger Zeit gestört, da sich einige Arten dominant verhalten und dadurch andere Arten zum Beispiel aufgrund von Nahrungskonkurrenz verdrängen können. In jedem Ökosystem gibt es Generalisten und Spezialisten. Ein gutes Beipiel für einen Generalisten ist die Strandkrabbe (Carcinus maenas). Sie ist unempfindlich gegenüber Schwankungen der abiotischen Faktoren und sie ist omnivor (Allesfresser). Aufgrund dieser unspezifischen Eigenschaften gelang es ihr unter anderem sich in weiten Teilen der Welt mithilfe des Schiffsverkehrs auszubreiten und sich erfolgreich zu etablieren. Ein Beispiel für einen Spezialisten wären verschiedenste marine Nacktschnecken, welche sich als Nahrungsspezialisten an bestimmte Beutetiere koppeln. Somit kommen sie nur dort vor, wo auch ihre Nahrung existiert. Der Endeffekt ist ein spezielles und einzigartiges kleines Ökosystem welches sie dann im Ist-Zustand sehen können.

Jeder Meerwasser-Aquarianer kennt diese Entwicklung aus seinen eigenen Becken. Ein Aquarium, besetzt mit frischen lebenden Steinen, birgt anfangs ein enorme Artenvielvalt. Nach Wochen und Monaten bleiben jedoch nur sehr wenige dominante Arten übrig. Meist handelt es sich dann um Flohkrebse (Amphipoden) und vielborstige Würmer (Polychaeten). Daher frischt man von Zeit zu Zeit die Biodiversität mit neuen lebenden Steinen auf. Grundsätzlich gilt: je höher die Artenvielfalt in einem Sytem ist, desto stabiler ist es auch. Fällt eine Art für eine bestimmte ökologische Funktion aus (z.B. Räuber, Weidegänger…) so ist bei einer hohen Biodiversität die Wahrscheinlichkeit höher, dass eine andere Art diese leere Nische ausfüllen kann.

 

Zurück zum ursprünglichen Gedanken

Wie komme ich denn nun auf den Vergleich eines natürlichen Rockpools mit einem typischen Meerwasser-Aquarium? Es liegt auf der Hand, dass ein Aquarium, ganz gleich welcher marine Lebensraum dort nachgestellt wird, denselben ökologischen Gesetzen unterliegt. Je größer das System, desto stabiler in Bezug auf die Wasserchemie. Je höher die Biodiversität, desto stabiler in Bezug auf die Ökologie.

Ein Aquarium behaupte ich, ist in seinem urspünglichsten Zustand einem Rockpool ökologisch gleichzusetzen, nur dass wir in diesem Falle die abiotischen Faktoren steuern. Selbst wenn wir alle Wasserwerte in unserem Aquarium nahezu stabil halten, für genügend Licht und auch für eine Wasserumwälzung sorgen, so ist dies doch nur ein in seinen Systemeigenschaften „aufgepimpter“ Rockpool mit einer meist sehr viel schlechteren Artenbilanz. Durch die eingesetzte Technik schrauben wir lediglich die Belastungsgrenze eines Systems nach oben, können aber den Grundcharakter nicht verändern. Jetzt werden einige einwerfen, „mein Meerwasserbecken stellt aber keinen typischen Riffausschnitt oder eine litorale Zone dar.“ Wie schon oben erwähnt ist es völlig gleich welchen marinen Lebensraum wir nachbauen. Eine Ausnahme stellen große Schauaquarien dar, welche keine eigenen Filter haben sondern ständig mit frischem Meerwasser versorgt werden. In diesen Fällen ist auch die Größe eines Systems kaum von Bedeutung. Der einzige limitierende Faktor dürfte dann noch das künstliche Licht sein. Und auch dies gilt nur solange, wie die Schauaquarien den litoralen bis sublitoralen Lebensraum von vor der eigenen Türe darstellen. Solange es eine stetige Zufuhr von natürlichem Meerwasser gibt, solange wird auch die Biodiversität durch immer neu herangebrachtes lebendes Plankton hochgehalten.

 

 

Bildquelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/93/Porto_Covo_February_2009-2.jpg