Ein schlauer, blauer Krebs ohne Namen

Ein neues Video auf meinem YouTube-Kanal zeigt einen kleinen Fangschreckenkrebs in meinem tropischen Meerwasser-Aquarium. Diese oftmals recht kleinen Krebse der Ordnung Stomatopoda vereinen mehrere Rekorde in sich. Sie zählen zu den intelligentesten Krebsen überhaupt. Sie besitzen eine der am weitest entwickelten Augen im gesamten Tierreich. Passend dazu können sie, zusammen mit ihren entfernten Verwandten, den Knall- oder Pistolenkrebsen (Decapoda: Alpheidae), die schnellsten Bewegungen im ganzen Tierreich vollführen.

 

 

 

 

 

Im Aquarium kann man ihre Existens oft nur an den knallenden Geräuschen ausmachen, die sie auf der Jagd in der Dämmerung produzieren. Es hört sich so an als würde man eine Metallkugel auf eine Glasscheibe fallen lassen. So manch ein Aquarianer hat bei diesem Geräusch schon graue Haare bekommen, weil man denken könnte, dass eine Aquarienscheibe gerade platzt. Dieses Knallen und Knistern von abertausenden Knall- und Fangschreckenkrebsen ist das dominierende Unterwassergeräusch, wenn man einmal in subtropischen oder tropisch Gewässern schnorchelt. In zwei weiteren Videos aus dem Roten Meer, welche ich in den nächsten Tagen online stellen möchte, werden Sie es deutlich hören können.

Die Besonderheit an diesem Exemplar war neben seiner Zutraulichkeit seine intensive Blaufärbung. Meist sind diese Tiere mit Braun- oder Ockertönen gut getarnt und leben sehr versteckt.
Dieser putzige Krebs brachte es immerhin auf beachtliche 5-6 cm Körperlänge. Er war sehr gelehrig und so konnte ich ihn schon nach etwa zwei Wochen regelmäßiger Fütterung zu einem Umzug aus dem hinteren Riffgestein in ein Schneckenhaus an der Frontscheibe meines Aquariums überreden, wo er bis zum Schluß auch wohnte. Es war ein sogenannter „Trümmerer“ oder „Schmetterer“ und war deshalb auch für Fische nicht gefährlich.

Grundsätzlich gibt es zwei Fraktionen bei den Fangschreckenkrebsen, die „Trümmerer“ und die „Speerer“.
Sie unterscheiden sich im Aufbau ihrer zweiten Maxillipeden (Mundwerkzeuge). Bei den Trümmerern sind diese am Ende keulenförmig verdickt. Mit diesen „Keulen“ zerschmettern sie die Schalen und Panzer ihrer Beutetiere, wie Schnecken, Muscheln oder andere Krebse. Man könnte jetzt denken, der Knall würde beim Aufprall der Keule auf ein Beutetier entstehen. Zum Teil stimmt es natürlich. Aber wie schon ganz oben erwähnt, vollziehen Fangschreckenkrebse eine solch schnelle Bewegung bei dem Vorschnellen ihrer Fangbeine, dass das Wasser in Sekundenbruchteilen zusammengepresst und so stark erhitzt wird bis es verdampft. Es entsteht Unterwasser eine Wasserdampfblase, die unter einem lauten Knall und unter Lichtemission sofort in sich zusammenbricht (physikalisch: Kavitation). Die dabei entweichende Druckwelle reicht aus, um ein potentielles Beutetier oder einen Gegner zu betäuben und bewegungsunfähig zu machen.

Die „Speerer“ besitzen anstelle der Keulen fangschreckenartige, mehrfach gezähnte, spitze Fangarme mit der sie ihre Beute, wie zum Beispiel Fische und Garnelen, regelrecht aufspießen. Ein weiteres Merkmal der Speerer sind auch die meist seitlich abgeflachten und langgezogenen Komplexaugen. Letztere Fraktion ist auch Namensgeber der Ordnung Stomatopoda sowohl im Deutschen, wie auch im Englischen (Fangschreckenkrebse/mantis shrimps).

Nachtrag: gestern Abend habe ich Kontakt mit Michael Bok (Arthropoda Blog), einem Biologie-Doktoranden und Stomatopoden-Spezialisten aufgenommen, um seine Meinung über diesen seltenen blauen Krebs zu hören. Er sah sich sofort das Video und ein paar Bilder an. Hier seine Antwort:

“ I was about to agree that it is a Gonodactylus, except none of the blueish species have striped antennules as far as I know.  However, after seeing the picture of the tail, I am pretty certain that it is some species of Haptosquilla.  That also adds up with the antennal flicking behavior in your video, which reminds me of Haptosquilla.

Haptosquilla trispinosa can vary greatly in coloration, and can be quite blue sometimes, but I have never seen one as blue as yours.  It could also be some other species of Haptosquilla that I am unfamiliar with, since I have only seen those from Australia.“

Dazu sei angemerkt, dass die Vermutliche Herkunft des Tieres die Philippinen waren. Ich kann mich erinnern ihn in einer Lieferung „Lebendgestein“ von dort gefunden zu haben. Eine Galerie mit allen, leider zum Teil unscharfen Bildern stelle ich bald online. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Michael!